Infiltration bei Rückenschmerzen: Wirkung, Dauer, Risiken – ein Überblick
- Dr. Philipp Becker

- vor 11 Minuten
- 7 Min. Lesezeit

Infiltrationen bei Rückenschmerzen – was bringen die Spritzen wirklich?
Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Gründen, warum Menschen ärztliche Hilfe suchen. Wenn Medikamente, Physiotherapie und Bewegungstraining nicht ausreichen, fällt häufig ein Begriff: „Infiltration“ – also eine gezielte Spritze an die schmerzende Struktur der Wirbelsäule.
In unserem Rückenschmerzzentrum ist eine Infiltration oft ein Bestandteil im Therapiekonzept.
Wie gut wirkt das wirklich? Wie lange hält der Effekt an? Und welche Risiken gibt es? Ich habe für Sie die häufigsten Fragen, die mir im Patientgespräch an mich gestellt werden, für Sie hier beantwortet.
Was ist eine Infiltration?
Unter einer Infiltration versteht man eine gezielte Injektion von Medikamenten in die Nähe der schmerzenden Struktur der Wirbelsäule, zum Beispiel:
in den Epiduralraum in der Nähe der Nervenwurzel (epidurale Steroidinjektion),
an die kleinen Wirbelgelenke (Facettengelenke),
an das Kreuz-Darmbein-Gelenk (Sakroiliakalgelenk, ISG).
Meist werden zwei Wirkstoffe kombiniert:
ein Kortisonpräparat (entzündungshemmend),
ein Lokalanästhetikum (örtliches Betäubungsmittel).
Ziel ist nicht, die Wirbelsäule „neu aufzubauen“, sondern Entzündung und Schmerz zu reduzieren, damit sich Patientinnen und Patienten besser bewegen können.
Um eine Infiltration erfolgreich anzuwenden, ist eine Analyse der Schmerzursache wichtig. Eine MRT und Röntgenserie ist bei uns notwendig.
Welche Techniken der Infiltration gibt es?
Damit das Medikament genau dort ankommt, wo der Schmerz entsteht, gibt es verschiedene Techniken, eine Infiltration durchzuführen.
1. Röntgengezielte Infiltration
Hier wird die Nadel unter Durchleuchtung (Röntgen) an die richtige Stelle geführt.
Der Arzt sieht die Wirbelsäule und die Nadel in Echtzeit auf einem Bildschirm.
Oft wird zusätzlich ein wenig Kontrastmittel gespritzt, um zu kontrollieren, ob die Nadelspitze wirklich an der richtigen Position liegt (z. B. im Epiduralraum oder am Facettengelenk). Eine Verbreichung des Medikaments in ein Blutgefäß (Komplikation) wird damit ausgeschlossen.
Die Strahlenbelastung ist dabei meist gering und deutlich niedriger als bei einer CT-Untersuchung.
Vorteile:
Gute Kontrolle der Nadellage
Gut geeignet für viele Standard-Infiltrationen (z. B. epidural, Facette, ISG)
Meist schneller als eine CT-gezielte Infiltration
2. CT-gezielte Infiltration
Bei der CT-gezielten Technik wird die Nadel unter Kontrolle eines Computertomographen platziert.
Die CT zeigt sehr genaue Schnittbilder der Wirbelsäule und der umliegenden Strukturen.
Der Arzt kann die Nadel millimetergenau auch in schwierige Regionen vorschieben, zum Beispiel bei komplexen anatomischen Verhältnissen oder nach Voroperationen.
Vorteile:
Sehr hohe Präzision, besonders in anatomisch komplizierten Situationen
Gut geeignet, wenn wichtige Strukturen (Nerven, Gefäße) dicht neben dem Zielgebiet liegen
Keine Strahlenbelastung für den Arzt
Nachteil:
Höhere Strahlenbelastung als bei der röntgengezielten Durchleuchtung
Nach jeder Korrektur der Nadelposition muss nochmals ein CT durchgeführt werden
Organisatorisch etwas aufwendiger (CT-Raum, Radiologie)
Es ist kein Live-Kontrastmittel möglich, eine Verabreichung in ein Blutgefäß kann nicht ausgeschlossen werden.
3. Anatomisch orientierte Infiltration
Bei der anatomisch orientierten Infiltration wird die Nadel ohne Röntgen oder CT gesetzt.
Der Arzt orientiert sich an tastbaren Knochenpunkten, Muskeln, Gelenkspalten und an seiner Erfahrung mit der regionalen Anatomie.
Typisch ist das zum Beispiel bei manchen Infiltrationen am Kreuz-Darmbein-Gelenk, an Muskel-Triggerpunkten oder bei oberflächlichen Strukturen.
Vorteile:
Keine Strahlenbelastung
Technisch einfach, schnell durchführbar
Besonders geeignet für gut tastbare oder oberflächliche Strukturen
Nachteile:
Die exakte Lage der Nadelspitze ist nicht sichtbar, sondern nur indirekt beurteilbar
Bei tiefen oder anatomisch veränderten Strukturen (z. B. nach Operationen, starken Verschleißveränderungen) ist eine bildgesteuerte Technik oft sicherer und präziser.
Schwierig bei adipösen Patienten, wenn knöcherne Strukturen nicht tastbar sind.
Die ungenau Positionierung wird meist durch mehr Volumen des verabreichten Medikaments ausgeglichen.
4. Ultraschallgezielte Infiltration
Bei der ultraschallgezielten Infiltration wird die Nadel mithilfe eines Ultraschallgeräts an die richtige Stelle geführt.
Der Arzt hält den Schallkopf auf die Haut und sieht auf dem Bildschirm in Echtzeit Muskeln, Sehnen, Gelenke und teils auch Nerven und Gefäße.
Die Nadel wird so geführt, dass man sie im Ultraschallbild verfolgen kann – man sieht also, wo sich die Nadelspitze befindet und wohin das Medikament verteilt wird.
Vorteile:
Keine Strahlenbelastung, da Ultraschall ohne Röntgenstrahlen arbeitet
Gute Sichtbarkeit von Weichteilen, Gefäßen und Nerven – diese können gezielt umgangen werden
Gerade bei oberflächlichen Strukturen in der Lendenwirbelsäule sehr präzise
Nachteile:
Tiefe Strukturen nahe der Wirbelsäule sind bei adipösen Patienten schwierig darzustellen
Die Qualität hängt stark von der Erfahrung des Untersuchers und vom verwendeten Ultraschallgerät ab
Wir verwenden das Ultraschallgerät für die ACP (PRP) Eigenplasmatherapie.
Welche Methode ist „die beste“?
Die „beste“ Technik gibt es nicht für alle gleichermaßen – sie hängt ab von:
Art der Beschwerden (z. B. Nervenwurzel, Facettengelenk, ISG, Muskel)
Lage der Zielstruktur (oberflächlich vs. tief, Nähe zu Nerven/Gefäßen)
Voroperationen und individuellen anatomischen Besonderheiten
und auch von den räumlichen Möglichkeiten (Röntgen/CT/Ultraschall verfügbar?)
Gewicht des Patienten
In den internationalen Guidelines werden röntgen-gezielte Infiltrationen bevorzugt, weil sie eine höhere Genauigkeit bieten. Anatomisch orientierte Infiltrationen haben ihren Platz vor allem dort, wo Strukturen gut tastbar sind und das Risiko gering ist.
Bei welchen Rückenschmerzen ist eine Infiltration sinnvoll?
Eine Infiltration wird in der Regel von mir erst empfohlen, wenn:
konservative Maßnahmen (Medikamente, Physiotherapie, Training) nicht ausreichend geholfen haben und
die Schmerzen so stark und akut sind, dass der Alltag deutlich eingeschränkt ist (z.B. akuter Bandscheibenvorfall)
Die typischen Einsatzgebiete sind:
Nervenwurzelreizung / Ischias
z. B. bei Bandscheibenvorfall oder enger Nervenwurzel (Foramenstenose)
Schmerzen ziehen ins Bein oder in den Arm, oft mit Kribbeln oder Taubheit.
Wirbelkanalverengung (Spinakanalstenose)
Beschwerden beim Gehen, die in Ruhe nachlassen
oft Schmerzen und Schwäche in den Beinen.
die Gehstrecke ist eingeschränkt
Kleine Wirbelgelenke (Facettengelenke)
tiefe Kreuzschmerzen, oft belastungsabhängig
Meist bei Göeitwirbel, Osteochondrosen und Skoliosen bei alten Patienten
morgendliche Anlaufschmerzen, Beschwerden beim langen Stehen.
Kreuz-Darmbein-Gelenk (ISG)
Schmerzen über dem Kreuzbein oder im Gesäß
häufig einseitig, manchmal Ausstrahlung ins Bein.
Vor jeder Infiltration sollten Anamnese, klinische Untersuchung und Bildgebung (z. B. MRT, Röntgen) klären, welche Struktur wahrscheinlich die Schmerzen verursacht. Moderne Übersichtsarbeiten betonen, dass Infiltrationen nur dann eine Chance auf Erfolg haben, wenn die Diagnose möglichst präzise gestellt ist.
WIE wirkt eine Infiltration?
Die Wirkung beruht auf mehreren Mechanismen:
Entzündungshemmung
Kortison bremst entzündliche Botenstoffe rund um Nervenwurzel und Gelenke. Dadurch kann Schwellung abnehmen, der Druck auf Nerven und schmerzempfindliche Strukturen sinkt. Studien zeigen, dass epidurale Steroidinjektionen bei Ischiasschmerzen durch Bandscheibenvorfall kurzfristig zu einer spürbaren Schmerzlinderung führen können.
Schmerzblockade
Das Lokalanästhetikum unterbricht für einige Stunden die Weiterleitung von Schmerzimpulsen. Viele Patientinnen und Patienten berichten bereits direkt nach der Injektion eine deutliche Erleichterung.
„Türöffner“ für Bewegung
Weniger Schmerz bedeutet: bessere Beweglichkeit, mehr Kraft, mehr Vertrauen in den eigenen Körper. Das macht es leichter, Physiotherapie und Training konsequent durchzuführen – und genau das ist entscheidend für den Langzeiterfolg.
Wichtig ist, nicht zu vergessen:
Eine Infiltration heilt Arthrose, Bandscheibenschäden oder eine Spinalkanalstenose nicht.
Sie kann aber eine Zeitfenster mit weniger Schmerz öffnen, in dem aktive Therapie viel besser möglich ist.
Wie lange hilft eine Infiltration?
Hier ist die Wissenschaft recht klar – und auch ehrlich ernüchternd:
Kurzfristig (Tage bis einige Wochen):
Bei radikulären Schmerzen (Ischias, Armschmerz) bringen epidurale Steroidinjektionen in vielen Studien eine deutliche Schmerzreduktion im Vergleich zu Placebo oder alleiniger Betäubung. Dies reicht jedoch aus, da die Selbstheilung bei einem BAndscheibenvorfall in 9 von 10 Patienten gut funktioniert.
Mittelfristig ( ca. 3 Monate):
Ein Teil der Patienten profitiert über mehrere Wochen bis wenige Monate. Fachgesellschaften wie die American Academy of Neurology beschreiben die Wirkung insgesamt als hilfreich, aber es ist kein Wundermittel.
Langfristig (über 3–6 Monate hinaus):
Die Daten zeigen, dass sich die Wirkung bei chronischen Erkrankungen nich über 6 Monate hinausgehen. Es müssen daher unbedingt weitere Therapien durchgeführt werden, eine Wiederholung der Infiltration ist ebenfalls meist notwendig.
Bei Infiltrationen in Facettengelenke und das ISG ist das Bild ähnlich:
Viele Patientinnen und Patienten erleben eine spürbare Besserung über einige Wochen,
die dauerhafte Wirkung ist aber begrenzt, und nicht alle sprechen an.
Für das Kreuz-Darmbein-Gelenk (ISG) gibt es neuere Studien, die zeigen, dass bestimmte „biologische“ Verfahren (z. B. PRP oder ACP) länger helfen können als Kortison – sie sind allerdings aufwendiger und noch nicht überall verfügbar. Wir können Ihnen auch diese Variante anbieten
Realistische Erwartung für Patientinnen und Patienten:
Wirkungseintritt meist innerhalb der ersten Tage,
Dauer der Linderung Wochen bis wenige Monate,
eine langfristige oder endgültige „Heilung“ nur durch die Infiltration ist eher die Ausnahme.
Welche Risiken und Nebenwirkungen gibt es?
Infiltrationen sind minimal-invasive Eingriffe, aber eben Eingriffe – mit entsprechendem Risiko, auch wenn schwere Komplikationen selten sind.
Häufige, meist harmlose Nebenwirkungen:
vorübergehende Zunahme der Schmerzen
Bluterguss an der Einstichstelle
Schwindel, Übelkeit, Kreislaufreaktionen
durch das Betäubungsmittel kurzzeitige Gefühlsstörungen oder Schwäche
durch Kortison: kurzfristige Blutzuckererhöhung, innere Unruhe, Schlafstörungen, „Flush“
Seltene Risiken:
Infektionen (z. B. epiduraler Abszess, Entzündung im Wirbelkanal)
Blutung oder Epiduralhämatom, vor allem unter blutverdünnenden Medikamenten
Nervenschädigung bis hin zu Lähmungserscheinungen
allergische Reaktionen auf eingesetzte Medikamente
Aktuelle Übersichtsarbeiten betonen, dass diese schweren Komplikationen sehr selten sind, der Nutzen der Spritzen aber insgesamt nur moderat ist – daher ist eine sorgfältige Abwägung und strenge Indikationsstellung wichtig.
Um das Risiko zu minimieren, werden Infiltrationen idealerweise:
unter Bildkontrolle (Röntgen oder CT) durchgeführt,
unter streng sterilen Bedingungen,
mit vorheriger Prüfung von Blutgerinnung und Begleiterkrankungen geplant.
Wann ist eine Infiltration sinnvoll – und wann nicht?
Sinnvoll kann eine Infiltration sein, wenn:
starke Schmerzen trotz Medikamenten und konservativer Therapie bestehen,
eine plausible Ursache in der Bildgebung erkennbar ist (z. B. Nervenwurzelkompression),
das Ziel ist, Mobilität zurückzugewinnen, Physiotherapie zu ermöglichen oder eine Operation hinauszuzögern.
Weniger sinnvoll ist eine Infiltration, wenn:
der Schmerz völlig unspezifisch und wechselnd ist, ohne klaren Bezug zu Strukturen oder Befunden,
keine Bereitschaft besteht, das „schmerzreduzierte Zeitfenster“ für aktive Therapie zu nutzen,
gravierende Risiken (z. B. unkontrollierte Gerinnungsstörung, schwere Infektion) vorliegen.
Fazit: Baustein, nicht Wundermittel
Infiltrationen können bei ausgewählten Patientinnen und Patienten mit Rückenschmerzen eine wichtige Rolle spielen:
Sie lindern Schmerzen oft schnell und spürbar,
erleichtern den Alltag,
und schaffen ein Fenster, in dem Physiotherapie und aktives Training besser möglich sind.
Genauso klar ist aber:
Die Wirkung ist in den meisten Fällen zeitlich begrenzt,
sie ersetzt keine langfristige Bewegungstherapie,
und sie kann strukturelle Veränderungen an der Wirbelsäule nicht rückgängig machen.
Eine gute Entscheidung entsteht immer aus individueller Beratung: Welche Diagnose liegt vor? Welche anderen Optionen gibt es? Welche Ziele hat die Patientin bzw. der Patient?
und das Team des Rückenschmerzzentrums Wien-Speising
Speisinger Straße 111, 1130 Wien
📞 0676 490 7090
Information gemäß § 5 E-Commerce-Gesetz und Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz:
Herausgeber: Rückenschmerzpunkt GmbH
Firmenname: Rückenschmerzpunkt Gmbh - Rückenschmerzzentrum Wien Speising
Adresse: Speisinger Straße 111, 1130 Wien, Österreich
Tel.: +436764907090E-Mail: office@rsp.wien (Die Bekanntgabe der E.Mail Adresse ist keine Zustimmung zum Erhalt unaufgeforderter Mails laut TKG § 101.)
Homepage: www.rsp.wien
Produkt und Dienstleistungen: Das Rückenschmerzzentrum Wien Speising ist Therapiezentrum für multimodale Schmerztherapie bei Rückenschmerzen
Kammer: Wirtschaftskammer
Firmenbuchnummer: 630956 b
Gerichtsstand: Wien
UID Nummer: ATU80930717





Kommentare